Prof. Dr. Atsuko Kawakita

© DWIH Tokyo / Prof. Dr. Atsuko Kawakita

In unserer Serie “Connecting East and West – A Short Interview with …” stellen wir Ihnen Menschen vor, die an deutsch-japanischen Forschungskooperationen beteiligt sind – und ihre Erkenntnisse darüber, wie und wo man erfolgreich kooperiert!
Diese Woche begrüßen wir Assoc. Prof. Dr. Atsuko Kawakita, Direktorin des Zentrums für Deutschland- und Europastudien an der Universität Tokio. Die Expertin für deutsche Zeitgeschichte berichtet von ihren Erfahrungen im internationalen Forschungsaustausch und betont dabei besonders die Bedeutung langfristiger und dauerhafter Zusammenarbeit.
Prof. Dr. Kawakita hat als DAAD-Wahlbeobachterin den Bundestagswahlkampf 2021 in Deutschland begleitet. Einen Bericht über ihre Reise finden sie hier.

1. Welche Art von Forschung begeistert Sie, und warum?

Meine eigene Forschung konzentriert sich auf die deutsche Zeitgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Mich interessiert vor allem die Frage, wie Deutschland im Rahmen einer “Vergangenheitsbewältigung” mit den Folgen des Krieges und des Nationalsozialismus umgegangen ist. Japan und Deutschland eint die Herausforderung, dass nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg ein neues System aufgebaut werden musste. Durch die Betrachtung des Beispiels Europa, wo Fortschritte unter unterschiedlichen nationalen und internationalen Bedingungen erzielt wurden, können wir auch mehr über die Probleme in Ostasien erfahren. Ich möchte Forschung betreiben, die mir nicht nur hilft, Deutschland zu verstehen, sondern auch neue Blickwinkel auf mein eigenes Land und die Welt eröffnet.

2. Was ist Ihre Verbindung zu Deutschland?

Meine erste Begegnung mit der deutschen Sprache war im zweiten Jahr der Oberschule, als ich sie als zweite Fremdsprache wählte. An der Universität setzte ich mein Studium der deutschen Sprache fort und wählte im Magister Deutschlandstudien als Hauptfach. Seitdem beschäftige mich mit der deutschen Zeitgeschichte. Ich habe zweimal für längere Zeit in Deutschland gelebt. Einmal im Jahr 2000 während eines Forschungsstipendiums der Japan Society for the Promotion of Science (JSPS), als ich nach Deutschland ging, um für meine Doktorarbeit unter Professor Axel Schildt an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg zu forschen. Meinen zweiten Aufenthalt verbrachte ich 2017-18 als Gastwissenschaftler an der Philosophischen Fakultät I der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Gegenwärtig arbeite ich als Direktorin des Zentrums für Deutschland- und Europastudien an der Universität Tokio, das mit Unterstützung des Deutschen Akademischen Austauschdienstes gegründet wurde, an der Förderung von Bildung, Forschung und Öffentlichkeitsarbeit über und zu Deutschland und Europa.

3. Wo sollten Japan und Deutschland mehr kooperieren?

Die Frage, in welchen Bereichen man zusammenarbeiten sollte, ist wichtig, aber ich persönlich glaube, dass es in allen Bereichen ein Potenzial für die Zusammenarbeit gibt, und dass es eher auf die Art der Zusammenarbeit ankommt, die in jedem Bereich aufgebaut werden kann. Im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften, in dem ich tätig bin, wünsche ich mir einen Ausbau langfristiger und dauerhafter Zusammenarbeit.
Heute ist es üblich, dass einzelne junge Forscher:innen während ihres Masterstudiums oder der Promotion in Deutschland studieren. Die Zusammenarbeit zwischen der Universität Tokio und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Rahmen des japanisch-deutschen internationalen Graduiertenkollegs “Transformations of Civil Society” (2007-2017) ist in diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert. Bei diesem Projekt unterstützten die JSPS und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gemeinsam die Ausbildung von Doktorand:innen und Forschung an den Partneruniversitäten in Deutschland und Japan. Die während des zehnjährigen Projekts gewachsene enge Zusammenarbeit in Lehre und Forschung hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich ein dauerhaftes System der Kooperation zwischen den beiden Universitäten etabliert hat, das auch nach dem Ende des Projekts fortbesteht, und dass die Zusammenarbeit auf andere Universitäten ausgeweitet wird.
Obwohl die Corona-Pandemie zu verstärkten Einschränkungen bei Auslandsreisen geführt hat, ermöglichte der bereits bestehende Kooperationsrahmen mit den deutschen Partneruniversitäten einen reibungslosen Übergang zur Online-Durchführung gemeinsamer Seminare, Kolloquien und Forschungsbetreuung. Auch die gemeinsamen Forschungsprojekte kommen gut voran. Damit die Zusammenarbeit unter schwierigen Bedingungen fortgesetzt werden kann, muss über einen langen Zeitraum eine stabile und vertrauensvolle Beziehung aufgebaut werden. In diesem Sinne glaube ich, dass es gut wäre, wenn eine langfristige und dauerhafte Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen geschaffen werden könnte.

4. Was ist Ihr Erfolgsrezept für Forschungskooperationen?

Die Zusammenarbeit in der Forschung hat viele Formen. Es gibt wahrscheinlich kein einziges “Geheimnis”. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass kurzfristige, persönliche Kooperationen natürlich ihre Vorteile haben, aber ich habe festgestellt, dass langfristige, stabile Zusammenarbeit qualitativ hochwertigere Forschungsergebnisse hervorbringt und neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit eröffnet. Es ist keine leichte Aufgabe, eine solche langfristige und dauerhafte Zusammenarbeit aufrechtzuerhalten und gegenseitiges Interesse und Vertrauen zu fördern, aber ich glaube, dass es sich lohnt, da wertvolle Forschungskooperationen aus solchen Bemühungen hervorgehen.

5. Welchen Rat haben Sie für deutsche/japanische Forscher:innen, die nach gemeinsamen Projekten suchen?

Die beste Unterstützung für eine wissenschaftliche Zusammenarbeit ist ein persönliches Netzwerk. Besonders für junge Forscher:innen ist es wichtig, ihre Kontakte durch Studien- und Langzeitaufenthalte im Ausland zu erweitern. Heute gibt es in Japan und Deutschland Rahmenbedingungen zur Unterstützung internationaler Kooperationsprojekte, sowohl individueller als auch interinstitutioneller Art. Die vorhandenen Möglichkeiten müssen nur gut genutzt werden.

Prof. Dr. Atsuko Kawakita

  • Promotion im Fachbereich Area Studies der Graduate School of Arts and Sciences, Universität Tokyo
  • Associate professor an der Graduate School of Arts and Sciences und Direktorin des Zentrums für Deutschland- und Europastudien, Universität Tokyo
  • Forschungsgebiete: Deutsche Zeitgeschichte und Deutschlandstudien
  • Publikationen zum Nationalsozialismus, Holocaust, deutscher Nachkriegsgeschichte, Erinnerungskultur, Flucht, Vertreibung und Migration.

Kontaktinformation:

kawakita@g.ecc.u-tokyo.ac.jp

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