Vom Campus ins Großunternehmen? Chancen und Herausforderungen bei der Personalsuche in Japan
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Der demografische Wandel trifft kaum ein anderes Land so hart und so bald wie Japan. Das hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Gesellschaft: Weniger junge Absolventinnen und Absolventen bedeuten eine kleinere Gruppe an Nachwuchskräften in Unternehmen. Gleichzeitig berichten japanische Studierende von einem harten Wettbewerb um Plätze in beliebten Großunternehmen, während kleinere Firmen beim Kampf um kluge Köpfe oft ins Hintertreffen geraten. Doch wie kommt es dazu, und welche Folgen hat die Situation für deutsche Unternehmen?
Ein Großteil der Japanerinnen und Japaner besuchen nach dem Schulabschluss die Universität, in erster Linie in Form eines vierjähriger Bachelor-Studiums, das quasi der berufsqualifizierende Abschluss ist. Das Studium ist dabei im Durchschnitt weniger praxisorientiert als etwa in Deutschland, und berufsrelevante Erfahrungen werden nur begrenzt systematisch integriert. Praktika sind selten und kurz (üblicherweise unter zwei Wochen) und haben eher den Charakter einer Betriebsbesichtigung. Das Studienfach ist für die spätere Berufstätigkeit oft zweitrangig, die Studierenden konzentrieren sich stattdessen auf „Shūkatsu“ (jap.: 就活; dt.: systematische Jobsuche). Der Prozess des „Shūkatsu“ beginnt nicht wie in Deutschland ein paar Monate vor dem Abschluss, sondern bereits ein Jahr, mitunter sogar zwei bis drei Jahre vorher. Im dritten Studienjahr startet die intensive Phase, die stark formalisiert ist und auf den 1. April des Folgejahres als Einstellungsdatum abzielt. Dabei durchlaufen die Studierenden Interviews, Gruppendiskussionen und Eignungstests, das Ziel ist in den meisten Fällen ein Großunternehmen. Wer in einer bekannten Firma anfängt, verspricht sich später Stabilität und Sicherheit. Die eigentliche berufsbezogene Ausbildung findet beim neuen Arbeitgeber statt. Nach einem ausführlichen Onboarding werden die neuen Mitarbeitenden gezielt auf ihre Position vorbereitet. Der Einstieg erfolgt oft nicht in eine klar definierte Fachposition, sondern dort, wo das Unternehmen Bedarf hat – unabhängig von der Studienrichtung. Zudem wechseln Mitarbeitende in vielen Unternehmen alle zwei bis fünf Jahre die Abteilung, um verschiedene Bereiche kennenzulernen.
Für kleinere Unternehmen, wozu aus japanischer Perspektive auch die meisten deutschen Niederlassungen in Japan gehören, ergeben sich dadurch mehrere Herausforderungen. Der Bewerberpool schrumpft durch den demografischen Wandel, und Spitzenabsolventinnen und Absolventen bevorzugen Großunternehmen, die mehr Stabilität und Prestige bieten. Die Vorbereitung der Absolventinnen und Absolventen auf den Joballtag ist minimal, was insbesondere für kleine Unternehmen und Zweigstellen einen erheblichen Arbeitsaufwand in der Einarbeitung bedeuten kann, da selbst grundlegende Fähigkeiten wie Präsentationen nicht selbstverständlich sind. Zudem sind Englischkenntnisse auf hohem Niveau sehr selten.
Dennoch ergeben sich auch Chancen. Deutsche Unternehmen rekrutieren zunehmend Mid-Career-Mitarbeitende und können mit attraktiven Benefits und Gehältern punkten, da Jobwechsel auch in Japan an Bedeutung gewinnen. Zugleich ändert sich die Mentalität junger Japanerinnen und Japaner, insbesondere jener, die bereits Zeit im Ausland verbracht haben. Sie wollen selbst entscheiden, auf welche Position sie sich bewerben, und suchen bewusst internationale Umfelder. Für sie sind deutsche Unternehmen attraktiv, da Deutschland zum Beispiel aufgrund der besseren Work-Life Balance weiterhin als Land mit hohem Ansehen gilt.
Die japanische Gesellschaft befindet sich, wie viele Industriegesellschaften, im Umbruch. Veränderungen im Arbeitsmarkt, die demografische Entwicklung und die neuen Interessen junger Japaner eröffnen sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Dies gilt besonders für internationale und deutsche Unternehmen, die flexibel auf diese Entwicklungen reagieren können. Wie sich diese Dynamiken in den kommenden Jahren weiterentwickeln werden, bleibt spannend zu beobachten.
Weiterführende Links:
- Stellenportal der Außenhandelskammer Japan (AHK Japan)
- Praktika-Plattform KOPRA
- J-Studien-Liste der Gesellschaft für Japanforschung (GJF)
Für Stellenausschreibungen mit Forschungs-, oder Innovationsbezug können Sie sich auch an das DWIH Tokyo wenden, das über umfangreiche Netzwerke im deutsch-japanischen Wissenschaftsaustausch verfügt.
Text: Maren Hoffmann (Praktikantin des DWIH Tokyo)